23. Mai. 2024

Bokehisierung der Gesellschaft

Wurde früher die Güte eines Fotografen und seiner Kamera daran gemessen, ob sie in der Lage waren, ein scharfes, detailgetreues Abbild der Wirklichkeit zu produzieren, ist heute das etwas elegisch ätherisch anmutende Bokeh, vorzugsweise in der Portraitfotografie schwer in Mode.
Zeigte früher der Hobbyfotograf stolz sein Alpenpanorama mit der auf der weit entfernten Kirchturmuhr noch gut ablesbaren Uhrzeit, so werden heute, nicht minder stolz, Fotos mit bestechender Unschärfe bei offener Blende präsentiert, mit selektiver Schärfe gern auf großen verträumten Augen kindlich-hilflos wirkender Geschöpfe.

Die Sicherheit und Kontrolle versprechenden Zeiten von Technik und Hygiene sind vorbei, aus vermeintlicher Sicherheit ist latente Bedrohung geworden, saubere Atomenergie ist nicht mehr sauber und in den Kliniken tummeln sich längst ubiquitär multiresistente Keime, die auf unsere antibiotischen Wunderwaffen scheißen.

Dies alles ist nicht mehr kernig zukunftsweisend, dies alles ist bedrohlich. So bedrohlich, dass eine kollektive Regression um sich zu greifen scheint. Die ewige Jugend spielt im Sandkasten ihrer erlernten Hilflosigkeit, die infantilisierte Barbie versteckt sich hinter einem mit seiner Identität hadernden Ken. Alle Bedrohlichkeit wird zugunsten einer leeren Fassade entkernt, über den Tod wird geredet, „gelebt“ wird er nicht, Sexualität wird plakativ präsentiert bei – schenkt man entsprechenden statistischen Erhebungen Glauben – gleichzeitiger massiver Reduktion wirklicher Sexualkontakte, ja selbst unsere Hunde züchten wir zu bis zur Enthirnung im Welpenstadium verharrenden Plüschteddies.

Die kollektive Infantilisierung schreitet metastasierend voran….

…aber ich schweife ab.

Eigentlich wollte ich ja nur sagen, dass es dieses Bokeh-Objektiv jetzt auch mit Pentax-Bajonett gibt.

6 Kommentare

  1. Ach, ich seh das gelassen. Selbst in der Fotografie gibt es Moden. Jetzt ist es halt mal bokehen bis zum erbrechen. Das geht vorbei. Man muss ja nicht mitmachen wenn es einem nich gefällt…

  2. Die Mode in der Fotografie stört mich ja gar nicht weiter, (und das Objektiv finde ich extrem interessant 😉 ) Was mich schon stört, das ist diese raumgreifende Infantilisierung.
    Diese Verlängerung der Kind(isch)heit bis ins Erwachsenenalter, dieser verstörte Blick der Dekompensation aus der vermeintlich heilen Welt heraus. (Geht vermutlich irgendwann nahtlos in die Demenz über – böse, ich weiß, aber manchmal kriech ich sonnen Haltz…)

  3. Habsch schon verstanden. Der Jugendwahn zieht da seine Kreise. Sei froh das du (vermute ich) keine Einblicke in die schwule Abteilung der Infantilisierung hast. 60 Jährige die sich verhalten wie 20-jährige nur um irgendwo noch dabei zu sein und gar nicht merken wie lächerlich das wirkt. Leider nicht mehr nur die berühmte Ausnahme…

    Ich habe letztens einen Justin-Bieber-Fanclub auf Facebook gesehen – für Damen über 40. Tsja. Da konkurieren jetzt also Mütter mit ihren Töchtern um die Gunst eines 17-jährigen. Kreeeisch. Wie die Mädels sich dann von den Alten angrenzen sollen ist mir schleierhaft.

    Infantilisierung ist vielleicht eine Umschreibung für die inhaltliche Leere vieler Menschen. Geh mal in eine Gruppe Gleichaltriger und sage „Ökostrom ist nicht zwingend teuer“ – vermutlich werden die meisten dich anschauen wie Auto – es interessiert die einfach nicht. Fragst du nach den aktuellen Teilnehmern von GNTMDSDS – und du bekommst deren Lebensläufe gleich mitgeliefert…

    Dann vielleicht doch direkt die Demenz. Für die Anderen!

  4. „Infantilisierung ist vielleicht eine Umschreibung für die inhaltliche Leere vieler Menschen.“
    Da haue ich einen ganzen Eintrag raus und Du fasst das mal eben lässig in einen einzigen Satz zusammen. 🙂
    Ja genau, infantile Fassadisierung, alles unschuldige Kinder, ohne einen Hauch von Verantwortung – vor allem nicht für sich selbst, für andere schon erst gar nicht.
    Habe gerade unzählige Szenen aus der ärztliche Praxis vor Augen – vermutlich daher der „Haltz“: ichkannnichtichkannnichtichkannnicht (nüchtern zur Narkose o.ä.) und dabei Löckchen um den Zeigefinger drehen und mit weit aufgerissenen unschuldigen Augen die Tante Dokta (also mich in diesem Fall) anglubschen – die wird’s schon richten…So viel zum Thema mündige ERWACHSENE Patienten – aber das würde hier echt zu weit führen.;-)

Kommentare sind geschlossen.